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9. August: Sölden - Vernagt 43 km +2.680 hm -2.214 hm 8 h 02 min |
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7.30 Uhr: Unsere Alpentour beginnt im österreichischen Sölden auf 1.400 und irgendwas Metern Höhe, wie es sich für eine Alpentour, die etwas auf sich hält, gehört: Mit einem Anstieg. Von guten 1.000 Höhenmetern. Allerdings - wie langweilig - auf Asphalt… 10.00 Uhr: Nix mehr 1.400-Meter-Tiefland. Nun stehen wir mitten in den Gletschern des Ötztals auf 2.800 Metern. Durch einen dunklen und empfindlich kalten Tunnel können wir noch der wenig befahrenen Mautstraße folgen, dann wechseln wir auf einen der bekanntesten Trails der Alpen: Den Gletscherpfad nach Vent: Am eisigen Tiefenbachferner-Eisfeld beginnend schlängelt er sich immer leicht bergab ins Bergsteigerdörfchen Vent, dem letzten bewohnten Fleckchen Erde im Ötztal. Der Trail ist, um es mal vorsichtig zu formulieren: Hammerhart. Von wegen komplett fahrbar. Der Pfad ist zum Teil halb weggerutscht und große Felsbrocken zwingen uns immer wieder von den Rädern. Der Trail kostet Zeit ohne Ende. Ein Stückchen fahren, wieder absteigen, über die dummen Felsen drübertragen, wieder aufsitzen. An einem verlassenen Bergsee unterhalte ich mich mit einem vielleicht Zehnjährigen Jungen, der hier mit seinen Eltern durch die Gegend wandert. Er fragt mich wo wir herkommen und als ich ihm erzähle, dass wir heute schon vom 1.400 Meter tiefer liegenden Sölden hochgeknüppelt sind, ist er ziemlich baff. Wenn der wüsste, wo wir noch hinwollen… 13.00 Uhr: Vent ist erreicht. Ich muss zugeben: Irgendwie bin ich schon ziemlich fertig. Meine Beine fühlen sich an wie eine Mikrowellenpizza, die eine zu niedrige Wattzahl verpasst bekommen hat. Aber Rettung naht: Wir stürmen die nächstbeste Pizzeria. Micha, der Knallharte, futtert natürlich ein Riesensteak… 13.30 Uhr: Es geht weiter. Brutal steil zieht sich der Schotterweg zur Martin-Busch-Hütte hinauf… 15.00 Uhr: 2.200 Höhenmeter haben wir jetzt in den Beinen und die Martin-Busch-Hütte ist erreicht. Eigentlich genug für einen Tag. Aber was die Vernunft verlangt, ist uns nun mal wurscht… Wir diskutieren also, ob wir hier übernachten oder doch noch weiterfahren/gehen sollen. Michael ist erst nicht so begeistert. Aber in meinem Kopf hat sich die Idee festgesetzt, noch heute den ersten 3000er zu knacken. Also alles klar: Weiter geht's, auf in die eisigen Höhen, zur Similaunhütte am Niederjoch auf guten 3.000 Metern Höhe, ein paar Schritte von der Fundstelle des legendären Ötzis entfernt. 15.15 Uhr: Zum letzten Mal heute kann ich wirklich ein Stück fahren. Durch total unwegsames Gelände zieht sich der Weg bergauf. Außer Felsen, Eis und Wanderern, die uns natürlich für verrückt halten, gibt es hier nichts. Mit einer Mischung aus Schieben und Tragen arbeiten wir uns die Felsen hinauf. 16.00 Uhr: Flasche leer. Ich bin total erschöpft und auch Micha sieht nicht mehr gar so motiviert aus. Das schlimme: Über uns zieht sich brutal steil die Eiszunge des Niederjochgletschers nach oben. Da müssen wir noch hoch. Doch vorher überqueren wir auf einer wackligen Brettkonstruktion einen reißenden Gebirgsbach. Klar was das bedeutet: Nasse und arschkalte Füße. Würden sich meine Füße bei Kälteeinfluss so verhalten, wie gewisse andere Körperteile, mir würden in diesem Moment die Schuhe meiner Mama passen… 16.30 Uhr: Wanderer: "Ey, du da… Bist du genauso fertig wie ich?" Ich: "Hey, Alter, kein Kommentar…" Wanderer: "Mann, sind wir scheiße, so ein Dreck hier…" 16.45 Uhr: Ich habe Kopfschmerzen. 16.50 Uhr: Ich quetsche mir ein widerliches PowerGel rein. 16.55 Uhr: Mir ist schlecht. 17.00 Uhr: Der Gletscher ist erreicht. Das brutalste kommt jetzt. Zum Glück gibt es auf dem markierten Eispfad keine Spalten. Michael jedenfalls geht voll ab und fährt hier sogar ein kleines Stück. Ich halte dafür lieber als Eis-Höhlen-mit-Einsturzgefahr-Fotomodell her (dieses Bild seht ihr bei der Einleitung zu diesem Bericht). 17.15 Uhr: Weiter. Einfach Weiter. Tunnelblick und einen Schritt vor den anderen. 17.30 Uhr: Yeah, wir sind so sexy, wir sind die geilsten, wir sind nämlich oben! Direkt auf dem Alpenhauptkamm. 3017 Meter hoch. Vor uns italienischer Fels. Hinter uns österreichisches Eis. Und 1600 Meter unter uns der blau funkelnde Vernagt-Stausee im Schnalstal. Und das Beste: Wir stehen auf der Terrasse der Similaunhütte, unser Tagesziel ist erreicht. 17.45 Uhr: Wie? Kein Bett mehr frei? Vielleicht hätten wir reservieren sollen. Geschockt lasse ich mich auf die Bank vor der Hütte fallen, starre vor mich hin und tue mir sehr, sehr leid. 18.00 Uhr: Trübsaal blasen hilft eh nix. Deshalb machen wir uns an den Abstieg zum Vernagt Stausee, wo wir uns per Hüttentelefon noch schnell ein Quartier auf einem alten Bauernhof reservieren konnten. 18.30 Uhr: Der Downhill ist in unserem Zustand genauso fahrbar wie die Eiger Nordwand. Also weiterschieben… 19.30 Uhr: Wir sind unten am Vernagt Stausee. Unser Nachtquartier stellt sich als eine goldrichtige Wahl heraus: Der Tisenhof könnte der Star jedes Heimatfilms sein. 20.00 Uhr: Sitzen vor einem Teller Bratkartoffeln. Michael haut voll rein und erzählt irgendwelche Storys. Ich kann nix essen… 20.15 Uhr: Mir ist schlecht. Michael scheint es gut zu gehen… 21.30 Uhr: Die Müdigkeit hat ein Einsehen und lässt uns in einen Schlaf fallen, der zumindest bei mir recht unruhig ausfällt… 23.30 Uhr: Muss dieser Traum vom Ötzi denn jetzt sein? |
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